Thomas Erdelmeier

„Das große Erdelmeiergefühl“

von Professor Peter Weiermair

Trotz der erstaunlichen medialen Veränderungen der bildenden Künste und ihrer Entgrenzung bis hin zu bislang anderen Künsten vorbehaltenen Mitteln, der Musik und der Sprache, dem Tanz oder dem Theater; ein Medium hat sich über all diesem Wechsel behauptet, ja es scheint heute wiederum an Aktualität zu gewinnen, wie anthologisch ausgerichtete Ausstellungen und internationale Publikationen unter Beweis stellen, die Zeichnung. Selbst während der Periode extremer Entmaterialisation konzeptueller Strategien blieb die Zeichnung als Notat von Vorstellungen im Kopf bestehen und hat den Zusammenhang von Zeichnen und Schreiben bestätigt. Daher kann die Zeichnung für viele Künstler eines von mehreren Medien darstellen. Ausschließliche Zeichner sind in der Minderzahl. Für Erdelmeier, der so etwas wie ein Vollblutzeichner und Virtuose der Linie ist, gilt letzteres. Auch dort, wo er den Pinsel einsetzt, bleibt er jemand, der der Linie vertraut. Erdelmeier bedient sich aller zeichnerischen Sprachen, die er in sein Sprachvermögen integriert. Den Graffitis des öffentlichen Raumes, den Karikaturen, den Mangas der Japaner, wie den Science-Fiction-Comic, zeichnerisch gefaßten Gebrauchsanweisungen, wie politischen Plakaten. Wie ein Musiker mischt er Themen und Stile und verfügt, all diese Erfahrungen zu einem unverwechselbaren Erzählstil verschmelzend, sowohl über das intimste Pianissimo wie die rauschhafte Oper. Zu seinen nicht selten wandgroßen Zeichnungen verbindet er Agitprop mit der Schimpffluchphilosophie Polkes, kombiniert biomorphe Transformationen seiner lustvoll kopulierenden Körper und ihrer surrealen polymorphen Sexualästhetik a lá Bellmer mit dem rauhen Ton der Witzzeichnungen Peter Sauls oder von Zeitungen, Werbetexten und Gebrauchsanweisungen gehen über in Punch und Judy, utopisch geformte Sternenwesen tauchen aus Galaxien auf, graffitiartige Großzeichnungen werden elegant aufgelöst und ihre impulsiven, energiegeladenen Linien landen in einem Nestknäuel einer ganz anderen Geschichte. Erdelmeier verleitet den Betrachter zu einem Seh- und Leserausch, den ich für mich „das große Erdelmeiergefühl“ getauft habe, denn es ist der Inbegriff des Atems dieses Erzählers, die Energie der Linie, die sich einem mitteilt und von dem wir nicht genug bekommen können, da alle Zeichnungen nur Teil einer unendlichen Geschichte sind. Diese Zeichnungen erzählen, schreien, flüstern, schimpfen, stöhnen, ja sie können auch schweigen, wenn die Linie endet und sich nicht in einer neuen Geschichte, einer weiteren zeichnerischen Pointe wiederfindet.

Es ist der Monolog eines Erzählers, den diese Linie repräsentiert, eines Erzählers, der das was ihm der Tag zuträgt, verarbeitet und ausspuckt.

Erdelmeiers Atelier, er hat auf Zeit den abbruchreifen Vorratsraum eines ehemaligen Polizeihauptquartieres in Frankfurt besetzt und bezogen, ist idealer Rahmen dieser Berge von Zeichnungen, eines Geschichtenerzählers von Gnaden jedoch keines Illustrators, eines großen Könners der Linie, welche er wie ein Magier, ein Virtuose beherrscht. Es ist eine fließende, fliegende Linie, die den Faden einer Geschichte aufnimmt, sich zu einer Gegenstandsvorstellung verdichtet, die sich wiederum blitzschnell in etwas anderes verwandeln kann.